Buchauszug aus Der Papalagi
Die vielen Papiere
ISBN 978-3-0350-2900-0



"Er muß jeden Morgen und Abend seinen Kopf zwischen sie halten, um ihn neu zu füllen und ihn satt zu machen, damit er besser denkt und viel in sich hat, wie das Pferd auch besser läuft, wenn es viele Bananen gefressen hat und sein Leib ordentlich voll ist. Es ist das erste, wonach der Papalagi (Europer) greift, nachdem er den Schlaf von sich stieß.

Er liest. Er bohrt seine Augen in das, was die vielen Papiere (TV, Medien) erzählen. Und alle tun das gleiche - auch sie lesen, Sie lesen, was die höchsten Häuptlinge und Sprecher Europas auf ihren Fonos gesagt haben. Dies steht genau auf der Nachricht aufgezeichnet, selbst wenn es etwas ganz Törichtes ist. Auch ihre Lendentücher, (Kleidung) die sie anhatten, sind genau beschreiben, was jene gegessen haben, wie ihr Pferd heißt, ob sie selber Elephantiasis (Krankheit) oder schwache Gedanken haben.

Alles, was geschieht und was die Menschen tun und nicht tun, wird mitgeteilt, ihre schlechten und guten Gedanken ebenso, wie wenn sie ein Huhn oder Schwein schlachten oder sich eine neues Canoe gebaut haben. Er nennt dies: "Über alles gut unterrichtet sein". Er will unterrichtet sein über alles, was von einem Sonnenuntergang zum anderen in seinem Lande geschieht.

Er ist empört, wenn ihm etwas entgeht. Er nimmt alles gierig in sich auf. Obwohl auch alle Schrecklichkeiten mit verkündet werden und alles das, was ein gesunder Menschenverstand am liebsten ganz schnell wieder vergißt. Ja gerade dieses Schlechte und Wehtuende wird noch genauer mitgeteilt als alles Gute, ja bis in alle Einzelheiten, als ob das Gute mitzuteilen nicht viel wichtiger und fröhlicher wäre als das Schlechte.

..doch dies ist nur ein Trugschluß. Denn wenn du nun deinem Bruder begegnest und jeder von euch hielt schon den Kopf in die vielen Papiere, so wird einer dem anderen nichts Neues oder Besonderes mehr mitzuteilen haben, da jeder das gleich in seinem Kopfe trägt, ihr schweigt euch also an oder wiederholt einander nur, was die Papiere sagten. Es bleibt aber immer ein Stärkeres, ein Fest oder ein Leid mitzufeiern oder mitzutrauern, als dies nur erzählt zu bekommen von fremde Munde..

Aber dies ist es nicht, was die Zeitung für unseren Geist so schlecht macht, daß sie uns erzählt, was geschieht, sondern daß sie uns auch sagt, was wir darüber denken sollen über Dies und Das, über unsere hohen Häuptlinge oder die Häuptlinge anderer Länder, über alle Geschehnisse und alles Tun der Menschen. Die Zeitung möchte alle Menschen zu einem Kopfe machen, sie bekämpft meinen Kopf und mein Denken. Sie verlangt für jeden Menschen ihren Kopf und ihr Denken. Und dies gelingt ihr auch. Wenn du am Morgen die vielen Papiere liest, weißt du am Mittag, was jeder Papalagi in seinem Kopfe trägt und denkt.

Die Zeitung ist auch eine Art Maschine, sie macht täglich viele neue Gedanken, viel mehr als ein einzelner Kopf machen kann. Aber die meisten Gedanken sind schwache Gedanken ohne Stolz und Kraft, sie füllen wohl unseren Kopf mit viel Nahrung, aber machen ihn nicht stark. Wir könnten geradesogut unseren Kopf mit Sand füllen. Der Papalagi überfüllt seinen Kopf mit solcher nutzlosen Papiernahrung. Ehe er die einen von sich stoßen kann, nimmt er die neue schon wieder auf. Sein Kopf ist wie die Mangrovesümpfe, die im eigenen Schlick ersticken, in denen nichts Grünes und Fruchtbares mehr wächst, wo nur üble Dämpfe aufsteigen und stechende Insekten sich tummeln.

Der Ort des falschen Lebens und die vielen Papiere haben den Papalagi zu dem gemacht, was er ist: zu einem schwachen, irrenden Menschen, der das liebt, was nicht wirklich ist, und der das, was wirklich ist, nicht mehr erkennen kann, der das Abbild des Mondes für den Mond selber hält und eine beschriebene Matte für das Leben selber.